Der Schnabel eines Greifvogels gehört neben den bereits beschriebenen Fängen zu seinen wichtigsten Werkzeugen.
Allen Greifvogelschnäbeln gemeinsam ist die Tatsache, dass der Oberschnabel länger als der Unterschnabel und stark nach unten gebogen ist. Er endet zudem in einer Spitze. Man spricht deshalb auch von einem „Hakenschnabel“.

Die Form und Größe der Schnäbel verschiedener Greifvogelarten ist so unterschiedlich, wie deren Ernährungsweise:
See- und Steinadler sowie die großen Geierarten Südeuropas besitzen z.B. sehr kräftige, hohe Schnäbel. Mit ihnen können sie auch die z.T. dicke Haut größerer Beute öffnen. Dies können beim Seeadler z.B. junge Robben, beim Steinadler Gämsen und bei beiden genannten Arten und den Geiern im Falle von Aasverzehr auch Schafe, Ziegen, Schweine, Pferde und sogar Rinder sein.

So geschieht es z.B. nicht selten, dass ein Trupp Gänsegeier angesichts eines toten Rinds nicht beginnen kann zu fressen, sondern auf die Ankunft eines Mönchsgeiers warten muss, der ihm den Kadaver „öffnet“. Diese größte Greifvogelart Europas (Flügelspannweite bis 3m; Gewicht bis 12,5 kg!) besitzt auch den größten und kräftigsten Schnabel.

Unter den Geiern stellt der kleine Schmutzgeier das genaue Gegenteil dar: Er muss warten, bis die größeren Arten satt sind und ernährt sich dann von den Resten. Beim Abzupfen kleinster Fleischstücke von den Knochen kommt ihm sein langer, schlanker, pinzettenartiger Schnabel zu Gute.

Bei den Falken findet man eine spezielle Anpassung des Schnabels an die typische Tötungsweise:
Als „Bisstöter“ besitzen sie kurz hinter der Spitze des Oberschnabels beiderseits einen sogenannten „Falkenzahn“, eine spitze Auswölbung der Schneidekante. Im Unterschnabel liegt ihm gegenüber eine entsprechende Einbuchtung. Beides zusammen verstärkt die Zangenwirkung des Falkenschnabels und erleichtert den Tötungsbiss.

Neben seiner Aufgabe bei der Zerteilung von Nahrung hat der Schnabel aufgrund seiner Färbung bei einigen Arten wohl auch eine gewisse Signalfunktion:
Innerhalb der ersten 5-6 Jahre ändert sich z.B. die Färbung eines Seeadlerschnabels von schwärzlich hin zu hellgelb. Diese leuchtende Färbung dürfte anderen Individuen die endgültige Geschlechtsreife des Vogels anzeigen.
Ähnliche altersbedingte Färbungsunterschiede findet man bei einigen Arten auch bei der soganannten Wachshaut, einer unbefiederten Partie an der Schnabelbasis. Junge Wespenbussarde besitzen eine gelbe Wachshaut, bei Altvögeln ist sie grau.

Umgekehrt verhält es sich z.B. bei Gerfalken und Würgfalken: Hier ist die Wachshaut im Alter gelb, bei Jungvögeln hingegen blaugrau.

Natürlich dient der Schnabel bei Greifvögeln noch vielen weiteren Zwecken: Mit ihm rupfen sie ihrer Beute z.B. Federn oder Fell aus, verfüttern vorsichtig kleinste Fleischstücke an ihre Jungvögel, putzen filigran einzelne Federn ihres Gefieders oder verbauen Äste und Stöcke in ihrem Horst.

Auch beim Transport von Beute oder Nistmaterial kann er zum Einsatz kommen, wenn das Transportgut nicht allzu schwer ist. In diesem Fall übernehmen die Fänge diese Aufgabe.


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