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Mit dem sprichwörtlichen Adlerauge haben die überragenden Sehleistungen der Greifvögel Einzug ins allgemeine Bewusstsein gehalten. Und in der Tat verfügen Greifvögel über die wohl leistungsfähigsten Augen, die die Evolution je hervorgebracht hat. Betrachtet man ihre Lebensweisen genauer, muss dies auch so sein: Unter ihren Sinnen ist der Sehsinn der weitaus wichtigste. Potentielle Beutetiere müssen auf sehr große Entfernung entdeckt und auf ihre Eignung als Jagdziel hin beurteilt werden.

Für uns Menschen ist schwer vorstellbar, dass z.B. ein Mäusebussard aus großer Höhe eine Maus innerhalb der Bodenvegetation erkennen kann. Beim Baumfalken sind gezielte Fangflüge auf Großinsekten über mehrere hundert Meter beobachtet worden. Habichte und Sperber, die in deckungsreicher Landschaft rasante Verfolgungsflüge durchführen, müssen dabei nicht nur ihr Beutetier im Auge behalten, sondern auch blitzschnell gefährlichen Hindernissen wie z.B. Ästen ausweichen können. Dies sind nur einige Beispiele für das Sehvermögen von Greifvögeln.

Viele dieser faszinierenden Sehleistungen finden zudem unter schwierigsten Lichtbedingungen statt, z.B. beim Blick gegen das gleißend helle Sonnenlicht eines wolkenlosen Sommertages, im kontrastreichen Licht- und Schattenspiel innerhalb eines belaubten Waldes oder durch den Dunst eines diesigen Tages.

Wir Menschen neigen dazu, zum Vergleich unser eigenes Sehvermögen heranzuziehen. Dem sind naturgemäß Grenzen gesetzt, da sich Greifvogelaugen über Jahrmillionen an die für sie wichtigen Bedingungen angepasst haben. Um nur zwei Beispiele zu nennen:

Greifvögel haben fünf verschiedene Typen von Farbsehzellen in ihren Augen, der Mensch dagegen nur drei. Einer der daraus folgenden Effekte dürfte sein, dass z.B. ein Gerfalke in seinem zumeist schneebedeckten Lebensraum ein uns weiß vor weißem Hintergrund erscheinendes Schneehuhn als deutlich andersfarbig wahrnimmt und dadurch besser erkennen kann.

Das zweite Beispiel betrifft den bei uns häufigen Turmfalken. Er ist im Gegensatz zum Menschen in der Lage, Teile des ultravioletten Lichtspektrums zu sehen und damit Kot- und Urinspuren von Kleinnagern zu erkennen. Das ermöglicht es ihm, über besonders lohnenswerten Stellen einer Wiese zu jagen, was ihm wiederum hilft, Zeit und damit Energie zu sparen. In den kalten und nahrungsarmen Wintermonaten mit ihren kurzen Helligkeitsphasen ist dies unter Umständen lebenswichtig.

Die Angaben zur tatsächlichen Sehleistung von Greifvögeln differieren sehr stark voneinander und es gibt noch viel Forschungsbedarf auf diesem Gebiet. Man hat aber bereits herausgefunden, dass die Dichte der Sehzellen auf den relevanten Stellen der Netzhaut 2-8 mal höher ist, als beim Menschen. Hinzu kommt, dass die Sehzellen auf der Greifvogelnetzhaut im Vergleich zum menschlichen Auge gleichmäßiger verteilt sind. Dadurch nehmen Greifvögel einen wesentlich größeren Bereich ihres Blickfeldes scharf und farbig wahr.

Weiterhin vermutet man innerhalb der Augen verschiedener Greifvogelarten unterschiedliche „Systeme“ zur zusätzlichen Vergrößerung des auf die Netzhaut geworfenen Bildes.

Das Vogelauge kann sich zudem erheblich schneller auf verschieden weit entfernte Objekte scharfstellen, als das menschliche. Bei Vögeln als fliegenden Lebewesen ist dies auch nicht verwunderlich.

Auch das zeitliche Auflösungsvermögen des Vogelauges übertrifft das des Menschenauges um ein Vielfaches: Uns genügt bereits eine Folge von 25 Bildern pro Sekunde, um sie als „Film“ wahrzunehmen, während Vögel innerhalb der selben Zeit noch 150 Bilder als „Diashow“ (=Einzelbilder) wahrnehmen können!

Greifvögel: Die Meister der Lüfte



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